Hotels, Tagungsorte, Veranstalter: Seit zwei Jahren erwarten Buchungsplattformen, Geschäftskunden und das Gesetz etwas anderes in Sachen Nachhaltigkeit. Ein erklärtes Engagement genügt nicht mehr. Alle drei verlangen einen Nachweis, und dieser Nachweis beginnt mit einer Messung. Hier die Zahlen, danach ein Beispiel: die Genfer Hotellerie.
Reisende buchen zertifiziert
In der jährlichen Umfrage von Booking.com vom April 2026 (32'500 Reisende, 35 Märkte) geben 36 % der Befragten an, dieses Jahr in einer Unterkunft mit Nachhaltigkeitszertifikat übernachten zu wollen. 2025 wurden auf der Plattform 100 Millionen Übernachtungen in Unterkünften gebucht, die von einer unabhängigen Stelle zertifiziert sind.
Das entscheidende Wort ist «zertifiziert». 37 % der Befragten trauen Angeboten nicht, die lediglich als «nachhaltiger» gekennzeichnet sind. Booking.com hat im März 2024 die Konsequenz gezogen, nach einer Intervention der niederländischen Wettbewerbsbehörde: Das eigene Abzeichen Travel Sustainable, das auf Selbstdeklaration beruhte, ist verschwunden. Die Plattform zeigt nur noch Zertifizierungen unabhängiger Stellen. Sie decken 28'000 Betriebe ab, 22 % mehr als ein Jahr zuvor.
Geschäftskunden verlangen Daten
Unternehmen, die Übernachtungen und Sitzungen einkaufen, suchen kein Logo. Gemäss GBTA Foundation stufen 92 % der Einkäufer von Geschäftsreisen Nachhaltigkeit als prioritär ein, 65 % wünschen Emissionsdaten nach gemeinsamen Normen, vergleichbar von Hotel zu Hotel, und 9 % schreiben ihren Mitarbeitenden bereits nachhaltige Unterkünfte vor.
Internationale Organisationen gehen weiter. Seit Januar 2025 verlangt die Richtlinie des UNDP für die nachhaltige Beschaffung von Hotel- und Konferenzdienstleistungen von den Lieferanten ein Inventar ihrer Treibhausgasemissionen und eine Senkung des Energieverbrauchs um 2 % pro Jahr.
Das Gesetz gibt den Pfad vor
Das Klima- und Innovationsgesetz des Bundes ist seit dem 1. Januar 2025 in Kraft. Es legt für die Schweiz das Ziel Netto-Null bis 2050 fest und erwartet von jedem Unternehmen einen Beitrag. Die Kantone ergänzen eigene Regeln. Genf will seine Emissionen bis 2030 um 60 % gegenüber 1990 senken. Das Genfer Energiegesetz verpflichtet Standorte mit mehr als 0,5 GWh Strom oder 5 GWh Wärme pro Jahr zu einem Audit und einer Zielvereinbarung, und Gebäude mit einem Wärmeverbrauchsindex über 222 kWh/m² pro Jahr zu einer Sanierung.
Messen vor dem Label
Die drei Anforderungen haben eines gemeinsam. Der Gast will ein Label: Es beruht auf einem Audit. Das Unternehmen will Zahlen: Sie beruhen auf einer Messung. Das Gesetz will einen Absenkpfad: Er beginnt mit einem Inventar. In allen drei Fällen ist der Ausgangspunkt derselbe, eine nachvollziehbare Zahl, die dem Betrieb gehört und die man einem Auditor, einem Einkäufer oder einer Behörde vorlegen kann.
Das Beispiel der Genfer Hotellerie
Swisstainable ist das nationale Nachhaltigkeitsprogramm des Schweizer Tourismus. Es besteht neben internationalen Labels wie Green Key, Green Globe, EarthCheck, ibex fairstay oder ISO 14001. Sein Level III – leading beruht auf einer vollständigen externen Zertifizierung, derjenigen, welche die Plattformen anzeigen.
Wir haben das Genfer Unternehmensregister mit der von Schweiz Tourismus publizierten Liste der Swisstainable-Betriebe abgeglichen, Stand Oktober 2026. Von 219 im kantonalen Register als Hotel klassierten Einheiten nehmen 56 am Programm teil: 29 auf Level I – committed, 6 auf Level II – engaged, 21 auf Level III – leading. Anders gesagt: Jedes vierte Genfer Hotel hat sich öffentlich verpflichtet, und jedes zehnte verfügt über die Zertifizierung, die seine Gäste beim Buchen sehen. Die Levels II – engaged und danach III – leading sind der Weg, der dieses Engagement nachvollziehbar macht.
Zur Methode. Die 219 Einheiten entsprechen 190 Adressen; das kantonale Statistikamt zählt 125 Hotels im statistischen Sinn, weil es Betriebe mit weniger als zehn Betten ausschliesst und mehrere Gesellschaften am selben Standort nur einmal zählt. Die 56 teilnehmenden Betriebe sind nach Bereinigung der Firmennamen gezählt. Die Plattformen zeigen die Drittzertifizierungen, auf denen Level III – leading beruht, nicht den Level selbst.
Was sich für einen Betrieb ändert
Die Reihenfolge kehrt sich um. Gestern wählte man ein Label und sammelte danach die Unterlagen. Heute kommt die Messung zuerst, weil sie allem anderen dient: dem Eintrag auf der Plattform, der Antwort auf die Ausschreibung, dem Jahresbericht an den Global Compact, der Zielvereinbarung mit dem Kanton und, wenn es so weit ist, dem Zertifizierungsdossier. Damit beginnen wir bei jedem Betrieb: unser Angebot.
Quellen
- Booking.com, Travel & Sustainability Report 2026, Newsroom-Ausgabe, April 2026: 36 % «choose to stay at an accommodation that has a sustainability certification», 37 % «I don’t trust that travel options labeled as more sustainable truly are».
- PhocusWire, Booking.com removes Travel Sustainable badge, 26. März 2024.
- GBTA Foundation, The State of Climate Action in Business Travel, 2023.
- UNDP, Sustainable Procurement of Hospitality and Conference Management Services, Januar 2025.
- Bundesrat, Inkraftsetzung des Klima- und Innovationsgesetzes auf den 1. Januar 2025, Medienmitteilung vom 27. November 2024.
- Kanton Genf, Plan climat cantonal 2030.
- Directive relative au régime applicable aux grands consommateurs d’énergie, Kanton Genf.
- OCSTAT, Informations statistiques, Genfer Hotellerie 2025, Juni 2026.
- Schweiz Tourismus, Swisstainable-Betriebe, abgerufen im Oktober 2026; Genfer Unternehmensregister, Auszug vom Oktober 2026.